Zwangsarbeit im Krieg – Spurensuche mit Dieter Hoppe

Zum Thema Zwangsarbeit im 2. Weltkrieg wird noch immer berichtet und vor Gerichten gestritten. Die HNA veröffentlichte erst kürzlich wieder Leserbriefe. Darunter auch den von Dieter Hoppe:

Der Leserbrief von Dieter Hoppe regt zum Nachdenken an:

Die letzten ehemaligen Zwangsarbeiter leben noch. Ihre Spuren werden bald verblassen sofern sie nicht in Archiven für Wiedergutmachungszahlungen dokumentiert sind. Die Fernsehserie „Roots“ über die Sklaverei bei den Vorfahren schwarzer US-Bürger nach dem gleichnamigen Roman von Alex Haley habe ich noch gut in Erinnerung. Für die Nachwelt beschreibt die Geschichte eindrucksvoll das Schicksal von Menschen, die aus ihrer Heimat verschleppt und dann über Generationen hinweg als Sklaven in den USA arbeiten mussten.
Aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern wurden auch Menschen als Arbeitskräfte verschleppt. In der Industrie und der Landwirtschaft arbeiteten sie unter sklavenähnlichen Bedingungen. Die spätere Aufarbeitung zeigt, dass die in der Landwirtschaft eingesetzten Zwangsarbeiter in der Regel besser behandelt wurden als Zwangsarbeiter in der Industrie. Oftmals überdauerten die Kontakte sogar den Krieg.

Den vollständigen Wortlaut zum Leserbrief sendete mir Dieter Hoppe, damit sie seine auf dem Heiligenbergblog veröffentlichten Lebenserinnerungen ergänzen.
Hier die erste Email von Dieter Hoppe vom 14. 12. 2010

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Zur Thematik Zwangsarbeit währen des Krieges

Hallo Herr Rennert,

in den letzten Wochen wurden mehrfach in Leserbriefen zum Thema der Beschäftigung/Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern während des 2. Weltkrieges in der Landwirtschaft Stellung bezogen. In allen Zuschriften, die von Personen stammten, die hier persönliche Beziehungen hatten, war der Tenor einheitlich. Danach gab es keine Übergriffe gegenüber den Gefangenen. Sie arbeiteten wie alle anderen und wurden gleichermaßen verpflegt, obwohl das amtlich streng verboten war. Gleiche Aussagen habe ich früher immer wieder gehört. Nur in einem der letzten Leserbriefe stand, es ist ja bekannt, wie die Zwangsarbeiter bei den Bauern bis tief in die Nacht bis zum Umfallen schuften mussten.
Auch ich habe an die HNA einen Bericht geschickt, der in sehr Komprimierter Form ebenfalls veröffentlicht wurde (Samstag, 4.Dezember 2010).
Während des Krieges war ich im Jahre 1944 auf dem Lande evakuiert. Uns gegenüber lag ein Bauernhof. Als Stadtkind war das für mich etwas ganz besonderes. Ich trieb mich jeden Tag, soweit ich keine Schule hatte, auf dem Hof herum und fuhr auch regelmäßig mit aufs Feld. Auf diesem Hof arbeiteten auch eine Ukrainerin und ein Weißrusse. Niemals habe ich ein böses Wort über oder zu den beiden gehört. Wenn der Bauer mit seinem Gespann einem Kollegen begegnete, gehörte es schon fast zum Ritual, dass gefragt wurde: „Was macht dein Iwan.“ Die Antwort lautete stets: „Gut, und was macht deiner? Die Antwort: „Auch gut!“
Die Ukrainerin hatte Angst vor dem Hengst, was dieser bemerkte. Es passierte ein paar Mal, wenn Pause gemacht wurde, dass die Ukrainerin die Pferde halten sollte und jedes Mal mit einer Bewegung des Kopfes des Hengstes zur Seite geschleudert wurde. Dann musste ich wieder ran und den Hengst an der Trense halten. Der versuchte natürlich auch mich halbe Portion von acht Jahren mit dem Kopf weg zu schlagen. Ich hielt mich aber an der Trense fest. Der Hengst schlenkerte mich durch kräftige Kopfbewegungen nach allen Seiten und nach oben und unten hin und her um mich loszuwerden. Aber ich hielt eisern fest. Das Spiel wiederholte sich jedes Mal wieder, sobald ich das Gespann auf dem Acker halten sollte. Sobald die Pferde ziehen mussten, ging es.
Niemand hat deshalb über Paula ein böses Wort verloren. Im Gegenteil. Sie wurde aufgefordert: Komm, setz dich hier hin zu uns. Bei der Pause aßen und tranken die beiden genau dasselbe wie alle anderen auch. Wir tranken aus der gleichen Kanne. Das war für mich so selbstverständlich, dass ich mir damals keine Gedanken darüber machte. Für heutige „Gutmenschen“ bedeutet das aber anscheinend, dass man de „Fremdarbeiter“ verhungern ließ.
Erst Jahrzehnte nach dem Kriege fiel mir eine amtliche Verordnung in die Hände, nach der es bei Strafandrohung „wegen der angespannten Ernährungslage in Deutschland verboten war, den „ausländischen Hilfskräften“ im Laufe des Tages irgendetwas zu Essen oder zu Trinken zu geben, da sie in ihrer Unterkunft genügend zu Essen und zu Trinken bekämen.
Es sei angemerkt; der Weißrusse und Paula waren jeden Tag von frühmorgens bis spätabends auf dem Hof.
Auch eine weitere Beobachtung vermochte ich erst Jahre nach dem Kriege richtig zu deuten. Bei Pausen musste der Weißrusse regelmäßig aufgefordert werden, auch Platz zu nehmen und zuzulangen. Er hatte offenbar Angst, der Bauer könnte gegenüber den Kontrolleuren von der Partei eine abfällige Bemerkung über ihn machen. Dann wäre er sofort in ein KZ abtransportiert worden. Das war den deutschen Beschäftigten aber offenbar unbekannt.
Im gleichen Ort arbeiteten auch viele junge russische oder ukrainische Frauen in den Haushalten. Ende 44 hörte ich ein paar Mal, wie sich deutsche Hausfrauen darüber unterhielten, wie man diesen Hilfen zu Weihnachten eine Freude machen könnte. Es gab ja nichts.
Nach Kriegsende wollten die Engländer als Besatzungsmacht diese Fremdarbeiter usw. „repatriieren“. In den Häusern kam es zu schrecklichen Szenen. Ein Großteil der zu Repatriierenden weigerte sich, sie wollten lieber bei ihrer Dienstherrschaft bleiben. Daraufhin erschien britische Militärpolizei und schlug erbarmungslos zu. Es floss viel Blut. Nach den Beschreibungen erinnerte das Vorgehen der britischen Militärpolizei im Jahr 1945 an das von SS und deutschen Einsatzgruppen in den östlichen besetzten Gebieten. Viele Russen flohen nach Kriegsende in die Wälder. Sie hatten offenbar keine Sehnsucht nach den Wohltaten des Bauern- und Arbeiterstaates. Die Engländer benötigten etliche Monate, bis sie die letzten Russen eingefangen hatten. Hubschrauber zur Menschenjagd hatten sie ja noch nicht.
Mein Vater nahm mich während des Krieges gelegentlich mit, wenn er zu einer (Partei)-behörde gehen musste. Die Typen, die dort ihr Maul aufrissen, machten mir Angst und ich drückte mich halb hinter meinem Vater. Sobald wir wieder draußen waren, sagte er bloß zu mir: „Du hast recht mein Kleiner.“ Das war für meinen Vater zur damaligen Zeit ein völlig ungewohnter Gefühlsausbruch.
Nach dem Kriege gab es wieder diese Leute, die ihr Maul aufrissen. Sie hinterließen bis heute keinen besseren Eindruck bei mir. Ein englische Freund pflegte bei solchen Gesprächen zu sagen: „Die Propaganda hört niemals auf.“
Als man in den 50er Jahre im Bereich der britischen Zone anfing, vorsichtig über die ehemaligen „Arbeitskräfte“ aus Russland zu sprechen, setzte massiv wieder die britische Propaganda ein z. T. mit Argumenten, die teilweise noch aus der Zeit der Propaganda vor dem 1. Weltkrieg stammten. In dieser Propaganda wurde massiv die schlimme Behandlung der „russischen Zwangsarbeiter“ durch alle Deutschen betont. Diese Propaganda wurde lautstark unterstützt durch deutsche Kollaborateure und „Gutmenschen“, die bis zur Gegenwart diese Propagandathesen immer wieder aufgreifen. Wie unehrlich diese Kollaborateure sind, ging mir schon als Schüler auf, als ich anfing nachzuforschen, was mit den ehemaligen Kriegsgefangenen und sonstigen Arbeitskräften aus dem Bereich der Sowjetunion nach ihrer Rückführung passierte.
Das ist ein ganz unmenschliches Kapitel. Von diesem Personenkreis kam zunächst niemand oder erst Jahre später in die Heimat zurück. Die ehemaligen russischen Kriegsgefangenen, die auf britischen Schiffen über Murmansk oder Odessa zurücktransportiert wurden, wurden kurz nach ihrer Ausschiffung erschossen. Die Briten, die das mitbekamen, lieferten trotzdem eine Schiffsladung nach der anderen ab. In Osttirol und Kärnten versprachen die Briten den Kosaken und ihren Familien ein neues Aufgabengebiet im britischen Weltreich. Sie wurden bitter enttäuscht. Frauen warfen ihre Kinder in die Hochwasser führende Drau und sprangen hinterher. Manche Männer konnten entkommen und erhängten sich in den Wäldern.
Ich konnte einmal Einheimischen zuhören, wie sie über die damalige Situation sprachen. –Meine Gegenwart hatten sie dabei völlig vergessen. – Man hätte nicht mehr in den Wald gehen können, vor allem bei Dunkelheit; weil man stets damit rechnen musste, mit dem Kopf gegen die Füße eines Erhängten zu stoßen. Die restlichen überlebenden Kosaken wurden auf LKWs verladen und an der Brücke von Judenburg den Sowjets übergeben. Auch hier wurden die Ausgelieferten wenig später mit Maschinengewehren erschossen. Auch das bekamen die Briten mit – und lieferten weiter. Die auf dem Landweg Rückgeführten hatten eine größere Überlebenschance, auch wenn von ihnen sehr viele umgehend nach der Überschreitung der sowjetischen Grenzen ermordet wurden. Andere, vor allem Frauen, kamen in ein Straflager. Wenn sie das überlebten, waren sie für ihre Leben gekennzeichnet.
Es ist bezeichnend: für das Schicksal dieser ehemaligen Kriegsgefangenen/Arbeitswilligen interessieren sich Kollaborateure nicht und weigern sich, diese Schicksale zur Kenntnis zu nehmen. Deutschland war in seiner Geschichte immer wieder das Land von Kollaborateuren etc. zum Schaden der Bevölkerung. Selten wurden sie zur Rechenschaft gezogen. Deshalb ist in Deutschland der Begriff wohl auch so ungebräuchlich.

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Herr Hoppe hatte die Mail mit seinem Leserbrief auch an den Verleger Bernd Kroemer in Namibia gesendet. Von dort erhielt er kurz darauf eine Antwort. Die 2. Email ist vom 15. 12. und enthält den Bericht des deutschstämmigen Publizisten:

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Guten Morgen Herr Hoppe,

sehr interessanter Artikel. Dazu fielen mir eigene Erlebnisse zu diesem Kapitel ein.
In Zweibrücken arbeiteten viele Polen bei der Fabrik Pörringer & Schindler. Morgens und abends wurden sie unter Polizeibegleitung ihren Unterkünften zugeführt. Sie sollten das bewachte Lager nicht verlassen. Trotzdem schlichen sich immer einige weg, um bei meinem Großvater, der in der Nähe ein Lebensmittelgeschäft führte (anerkannter Antifaschist) ihre Lebensmittelrationen aufzubessern. Ich weiß, dass meine Großmutter größte Angst hatte, aber der Opa ließ sich nicht beirren, er gab immer großzügig, was nicht einfach war bei rationierten Grundnahrungsmitteln.
In der Nähe von Zweibrücken, Klein-Bundenbach wohnte ein Bauer, ihm war ein Franzose (Kriegsgefangener) zugeteilt. Die Tochter arbeitete, neben der großen Arbeit auf dem Hof, tageweise als Putzmädchen im Hause meiner Großeltern. Irgendwann verliebet sich das Mädchen in den Franzosen, was verboten war, langer Rede kurzer Sinn, nach dem Krieg wurde geheiratet, und das Putzmädchen und ihr Franzose gingen bei uns aus und ein.
Soweit meine Kenntnisse zu diesem Thema. Da war alles normal, kein Hass, kein Unter- oder Obermenschentum. Sicher wird es auch andere Geschichten geben, aber auf keinen Fall wurden diese Zwangsarbeiter schlechter behandelt als meine Stiefmutter, die als Flüchtling aus Schlesien bei einem Bauer in der Nähe von Mölln untergebracht war. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Ihnen und Ihrer Familie ein gesegnetes Weihnachtsfest und alles BESTE in 2011!
Ihr
Bernd Kroemer

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In diese Berichte fügt sich auch meiner ein. (Konrad Rennert):
Wegen meines Alters habe ich glücklicherweise keine persönlichen Kriegserfahrungen. Ich kenne jedoch noch Zwangsarbeiter und deren Nachfahren aus Frankreich und Polen. Die Zwangsarbeiter arbeiteten in der Landwirtschaft meiner Vorfahren und bei den Vorfahren meiner Frau. Wir haben in der 3. Generation immer noch Kontakte zu deren Nachkommen in Frankreich und Polen. Die schon zitierten Berichte von Herrn Hoppe und Herrn Kroemer zeigen, dass es nicht nur Herrenmenschen, Ausbeuter und Menschenschinder in der deutschen Bevölkerung gegeben hat. Zu Nazis und Menschenschindern würde man nach dem Krieg keine freundschaftlichen Kontakte aufbauen.
Die Landwirte lebten im Krieg oft in einer Notgemeinschaft mit ihren Zwangsarbeitern. Weil viele Männer zum Krieg eingezogen waren, musste ihre Arbeitskraft ersetzt werden und man war auf zuverlässige Helfer angewiesen. Spätestens nach der Niederlage von Stalingrad ahnte man, dass Zwangsarbeiter bald wieder frei sein könnten und die Endabrechnung wurde vielleicht auch schon bedacht. Für viele zurückgeführte Zwangsarbeiter ging das Leid nach dem Krieg weiter: Von der polnischen Familie hörten wir, dass ihr Dorf und ihr Anwesen am Ende des Krieges völlig zerstört war. Den Zwangsarbeitern aus dem Gebiet der Sowjetunion ist es wohl noch schlechter gegangen. Meine Großmutter berichtete von der Ukrainerin Anna Pruss. Sie wurde ihr als Hilfe für die kleine Landwirtschaft zugeteilt. Mein Onkel, ihr Sohn war schon im Sommer 1944 in der Normandie gefallen, mein Vater wurde mit 17 eingezogen und mein Großvater musste im Volkssturm für den Objektschutz tätig sein, d.h. Brücken und Rüstungsfabriken bewachen.
Meine Oma erzählte uns, wie sie und die Ukrainerin unter dem Erntewagen Schutz suchten, wenn sich Tiefflieger näherten und beim Kalben der Kühe war das Mädchen ihre einzige Helferin. Nachdem die US-Streitkräfte den Kreis Waldeck eingenommen hatten, wurden die ukrainischen Helfer mit einem Transport nach Osten gesandt. Ob sie in ihrer Heimat angekommen sind, weiß niemand. Vermutlich ist Ähnliches geschehen, wie von Herrn Hoppe berichtet, d.h. Anna Pruss wurde sofort wegen der Kollaboration erschossen oder sie kam in ein Lager nach Sibirien.
Die kleinen Mosaikstücke unserer Erinnerung tragen dazu bei, dass nicht nur die Fakten, d.h. Millionen tote Soldaten und in KZs ermordeter Menschen dokumentiert sind, sondern auch Geschehnisse, die nicht in Geschichtsbüchern eingehen. Allenfalls gehen sie jetzt in die Archive der Suchmaschinen ein. Für Anna Pruss oder wie auch immer ihr richtiger Name in der Ukraine gelautet haben mag, gibt es noch nicht einmal einen Stolperstein, falls Sie bei der Heimkehr ermordet wurde. Die Stolperstein-Initiative finde ich gut, um der Opfern zu gedenken und die Erinnerung an sie wach zu halten. Allein die Nennung von Namen und die Berichterstattung bringen Menschen zusammen. In diesem Zusammenhang kam auch der Kontakt von Herrn Hoppe mit einem namibischen Verleger zustande, dem dort ein Denkmal auffiel, welches auch den Namen von Karl Waldeck verzeichnet. Er gehörte dort erst zu den Besatzern, dann zu den Kriegsgefangenen und später zu den Melsunger Polizisten zur Zeit des 2. Weltkrieges.

Das Internet vergisst nichts…

Die historischen Exkursionen von Dieter Hoppe interessieren aber nicht nur die deutschstämmigen Namibier zur Dokumentation der Zeit von Kaisers Glanz und Gloria (so der Name des Verlages), sondern auch einen Journalisten der Financial Times Deutschland. Dieser hatte in einem längeren Beitrag von Dieter Hoppe den Namen von Otto Philipp Braun gefunden. Der gleiche Name tauchte kürzlich bei der Umbesetzung des B.Braun Vorstandes auf. Da interessierten wahrscheinlich die Zusammenhänge bei der Wahl des Vornamens. Der Namensvetter und Verwandte des angehenden Vorstandsmitgliedes aus der Familie Braun war Großmarschall bei den Befreiungstruppen in Südamerika. Wie sein Verwandter vor fast 200 Jahren wird der 6 Generationen jüngere Manager auch in Lateinamerika tätig sein. Nur nicht als Großmarschall sondern als Vorstandsmitglied mit Verantwortung für Geschäfte in Lateinamerika. Die Familiengeschichte könnte ihm nicht nur Sympathie, sondern auch Anknüpfungspunkte bei Geschäftskontakten in diesen Ländern einbringen.

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