Jahresrückblick 2004

Liebe Freunde, liebe Kollegen und sonstige Leser,

 traditionell schreibt meine Frau in unserer Familie die klassische Weihnachtspost und ich bediene mich nach Weihnachten der neuen Medien – ganz im Sinne des papierlosen Büros und der jederzeitigen Abrufbarkeit von Information an jedem Ort im Internet, um die Gedanken zum Jahreswechsel kundzutun: Was auf dem Papier steht, ist nur am jeweiligen Standort des Papiers lesbar, was im Netz steht, an jedem angeschlossenen PC.

Das ablaufende Jahr war reich an Familienfesten: Die Hochzeit unserer Tochter, die eigene Silberhochzeit und mein 50. Geburtstag und dann noch die Goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern. Von traurigen Ereignissen blieb unsere Familie immer noch verschont und wir hoffen, dass das noch lange so bleibt. Wenn kürzlich die ersten Schulkameraden gestorben sind und auch der eine oder andere jüngere Mensch durch Krankheit oder Unfall, so wird man schon etwas nachdenklicher als vor Jahrzehnten, als die Endlichkeit unserer Zeit noch nicht so bewusst wahrgenommen wurde. Dass von einem Augenblick zum nächsten nicht nur einzelne Menschen große Schicksalsschläge verkraften müssen, sondern ganze Regionen vom Unglück heimgesucht werden, während wir das Weihnachtsfest feiern, haben wir von ferne im letzten Jahr beim Erdbeben im Iran gesehen und sehen dieses Jahr auf den Bildschirmen die Auswirkungen des Seebebens im Indischen Ozean. Urplötzlich taucht eine Welle auf und vernichtet Leben und das Lebenswerk vieler Menschen.

Oft ist man sich gar nicht bewusst, dass man bei Abwesenheit von zerstörerischen Naturgewalten, Hunger, Not und Krankheit in unserem Land eigentlich viel glücklicher sein müsste, als die Mehrheit der übrigen Menschheit. Aber man ist es nicht. Weder die politischen Reformen noch die wirtschaftlichen und persönlichen Aussichten geben Grund zur Euphorie. Eher lustlos akzeptiert man die Reformen und hat das Gefühl, dass es sich dabei um den Versuch des geordneten Rückzugs aus der gewohnten Wohlstandsgesellschaft handelt.

Ob so eine Euphorie und ein Glücksgefühl, wie vor 15 Jahren nochmals unser Land durchdringen können? Wir lebten damals noch in Kassel in der Nähe der Bundesstrasse 7, welche in Richtung Thüringen führt und konnten die Trabbis und Wartburgs mit drei Sinnen wahrnehmen (riechen, hören und sehen).  Richtung Innenstadt fuhren viele zum Rathaus, um das Begrüßungsgeld abzuholen, welches dann im Kaufhof oder im C&A wieder eingesammelt wurde. Keiner rechnete damals schon mit den Milliarden, welche Jahrzehntelang die öffentlichen Haushalte belasten werden. Alle feierten erst einmal und staunten über das unvorhergesehene Wunder. Das Wunder wurde langsam verdrängt und, wie in der Buchhaltung üblich, wird zunehmend nüchterne Bilanz gemacht. Allein für sich betrachtet geben die Zahlen keinen Anlass zur Freude. Aber den buchhalterischen Kosten sollte auch der Abbau von militärischen Potentialen und Feindbildern in Mitteleuropa gegenübergestellt werden und die zunehmende Normalisierung in unserem Osten. Die Euphorie ist jetzt in die Ukraine weitergewandert und hat dort die Menschen kurzzeitig verwandelt, bis auch sie von den Realitäten wieder eingeholt werden. Wir nehmen es selbstverständlich hin, dass wir nach Dresden, Warschau oder Prag jetzt so unkompliziert reisen können, wir es vor 1990 nur nach Paris oder Wien tun konnten. Für uns war es immerhin schon möglich – in umgekehrter Richtung jedoch nicht, sofern man nicht schon Rentner und somit für den Aufbau des Sozialismus in der DDR verzichtbar war.

Nur das Errungene zu bewahren macht uns nicht glücklich.

So bleibt die Hoffnung, dass uns die Reformen im neuen Jahr voran bringen. Wer durch Pisa-Studie und Wirtschaftsgutachten bescheinigt bekommt, dass es noch viele bessere Plätze weiter vorn im globalen Ranking zu besetzen gibt, der hat noch Chancen, Erfolgserlebnisse einzufahren.

Irrend lernt man.

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Goethe scheint die heutigen Verhältnisse und Gefühlslagen schon lange vorhergesehen zu haben, wie die beiden Zitate zeigen 😉

Mit den Wünschen, dass alle Leser im neuen Jahr viel Neues lernen,  positive Botschaften vernehmen und die Abwesenheit von Unglück auch mal als Glück erfahren können, verbleibe ich

Konrad Rennert

Felsberg, den 27. Dezember 2004

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