Gewissensfrage: Durch das Heute-Journal werden Erinnerungen wach

1973, Kassel, Ludwig-Mond-Straße 41, Kreiswehrersatzamt. Der Kriegsdienstverweigerer Dieter W. (Name wurde geändert, reale Person ist mir extrem nahe stehend…) sitzt vor dem Prüfungsausschuss für die Anerkennung von Wehrdienstverweigerern. Der Prüfungsvorsitzende löchert ihn mit dummen Fragen. Die Invasoren aus Rotland stürmen eine Schule in der noch verängstigte, Deckung suchende Schüler um ihr Leben fürchten. Neben Dieter W. liegt eine Waffe, mit der er Vergewaltigungen und Tod der Schüler verhindern könnte. Was macht er da mit seinem Gewissen … zuschauen oder schießen? 😉
2007, Berlin, Mainz. Dieter W. wird in Gewissensfragen vom ZDF-Prüfungsleiter  Claus K. vernommen. Dieter W. eiert in der Gewissensfrage genau so rum wie der Kriegsdienstverweigerer, der 1973 in 1. Instanz durchfiel und weiterhin überlegen musste, wie er sein friedliches Ziel erreichen wollte. Das hohe Ziel war, nie mit einer Waffe auf Menschen zielen zu müssen.
Diese Parallele kam mir gestern Abend spontan in den Sinn, als ich das Heute-Journal sah. Weil ich noch nicht herausgefunden habe, wie man die wenigen sehenswerten Sendungen in den Archiven des ZDF als Permalink verknüpfen kann, habe ich ein paar Minuten als Flash-Datei zitiert. Teil 1: ZDF-Hintergrundinformationen Teil 2: Interview von Claus Kleber mit Dieter Wiefelspütz
Wenn ich jetzt Prüfungsleiter wäre, und Sie der Prüfling dann fällt mir ein Szenario-Update für 1973 ein: Sie sehen als „National Chief Security Manager“ auf Ihren Webcams, wie sich verängstigte Menschen in Wolkenkratzern um Fahrstühle prügeln oder sich in Panik verzweifelt in den überfüllten Treppenhäusern nach unten tottrampeln, weil ein von Terroristen gesteuertes Großraumflugzeug im direkten Anflug ist. Es bleiben noch wenige Minuten in denen Sie als Verantwortlicher den eigenen Abfangjägern die Handlungsvollmacht erteilen könnten. Den Todgeweihten im Flugzeug wird durch Ihre Entscheidung das Leben um Minuten verkürzt, aber Tausenden Anderer kann das Leben gerettet werden. Was sagt Ihr Gewissen … zuschauen oder abschießen abfangen?

Wen würden die Menschen in den Wolkenkratzern wohl vorziehen? Schäuble oder Wiefelspütz? Fiese Frage – nicht wahr! 1973 wäre meine adaptierte Antwort gewesen: Ich bitte die Terroristen um die Wolkenkratzer zu kreisen, bis mein Innen- und Verteidigungsausschuss einen Beschluss gefasst hat. Zur allgemeinen Beruhigung lasse ich zwischenzeitlich mit den Kondensstreifen der Abfangjäger ein Peacezeichen an den Himmel malen und bete, dass alles glimpflich vorüber geht und dass so mein Gewissen rein bleibt!

Vielleicht sollte man Helmut Schmidt als kompetenten Krisenberater mit langjähriger Berufserfahrung für seine Partei reaktivieren – der war von 1969 bis 1972 Verteidigungsminister. Ich war als Kriegsdienstverweigerer nicht sonderlich von ihm begeistert. Später habe ich ihn hoch geachtet, weil er als Kanzler sehr konsquent gegen den Terror gehandelt hat: Operation Feuerzauber

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