Ist eine Geschichtsverbesserung bei den Melsunger Stolpersteinen notwendig?

Die Stolpersteinseite der Melsunger erregt Anstoß bei einem Marburger Historiker

Hintergrund: Im Internet bereit gestellte Texte werden global wahrgenommen. Sie können danach dank Google & Co. nicht mehr völlig aus der Welt geschafft werden, selbst wenn die Betroffenen und die Zensur das wünschen.

zensur-neindankeDie persönliche Meinung des Autors ist: Unsere Presse- und Meinungsfreiheit könnte mit Datenschutzargumenten bald unter die Räder kommen. Einen Artikel in der Netzpolitik zufolge könnten selbst ernannte Geschichtsverbesserer demnächst versuchen, eigene Interessen durchzusetzen: Per Gesetz dürfen missliebige Suchergebnisse nicht mehr angezeigt werden. Man muss nur eine passende Begründung für das Recht auf Vergessen konstruieren. Das ist schleichende Zensur: Was bei Google und Wikipedia nicht mehr auftaucht ist praktisch nicht existent. Die jüngere Generation schaut kaum noch in Bücher und papierene Archive. Alles wird dank der Suchmaschinen sofort im Internet bereitgestellt. Bücherstudium ist ziemlich out…

Der reduzierte Blick birgt Gefahren, denen man mit Vorgaben begegnen möchte. Es kommt die Frage: Wo jedoch liegt die Grenze tolerierbarer Veröffentlichungen?

In Deutschland darf veröffentlicht werden, was mit unserer Gesetzeslage vereinbar ist. In anderen Ländern ist das Gleiche strafbar. Hier darf man Satire im Stil von charlie hebdo schreiben: „2014: Russland besetzt die Krim und die Ostukraine, 2015: Griechenland ist pleite und konfisziert deutsche Immobilien, 2016 Griechenland interniert die letzten deutschen Touristen, um Lösegeld in Milliardenhöhe für deren gesunde Heimkehr zu fordern…“

Derartige Spekulation ist zulässige Satire. Man kann allenfalls Gegendarstellungen erwirken, z.B.: „2016 wird kein deutscher Tourist Griechenland betreten, weil das Außenministerium rechtzeitig zu Weihnachten 2015 eine Reisewarnung veröffentlicht hat. Griechische Ziele können danach nur noch per Umstieg in Moskau oder Simferopol (Krim) angeflogen werden… “

Als verantwortlicher Journalist, Redakteur und Freund guter Realsatire schätze der Autor die liberale deutsche Praxis und will mit diesem Beitrag konsequent sein. Bilden Sie sich eine persönliche Meinung zum nachfolgend geschilderten Sachverhalt. Sachliche Entgegnungen aus der Leserschaft werden gerne aufgegriffen, um sie zu veröffentlichen:

Die Replik beginnt mit den Fakten auf der Stolpersteinseite: Wenn man über das Suchformular der Stolpersteine Melsungen den Namen Reinhardt eingibt, erhält man genau vier Treffer.

Es sind Berichte von Zeitzeugen über einen Akademiker, der sich mit den Nazis einließ. Die Zeugen haben das Handeln und die Person des Dr. Reinhardt aus dem zeitlichen Kontext geschildert. Den Augen- und Ohrenzeugenberichten steht Archivmaterial gegenüber. Das bewegte einen Historiker aus Marburg die folgenden Zeilen an die Redaktion zu schreiben:

Hallo,

das Eintragen ins Gästebuch funktioniert bei Ihnen nicht. Daher wähle ich diesen Weg. Mir scheint, Sie verharmlosen die Rolle des glühenden Hitler-Verehrers und Antisemiten Dr. Heinrich Reinhardt (*28.3.1894). Lesen Sie mal, was er im Melsunger Tageblatt 1933-1943 verbreitete! Auszüge daraus in dem Buch von Rolf Schmidt über die Gau- und Kreisleiter, S. 490-493.

Beste Grüße

Um der „Sache Dr. Reinhardt“ nachzugehen wurde Dieter Hoppe um Stellungnahme gebeten. Er kennt die Archive und einige Personen, die besagten Dr. Reinhardt noch persönlich kannten.

Seine Stellungnahme ist im Wortlaut ab Seite 3 dieses PDF-Dokumentes veröffentlicht. Ein farbig markierter Einschub wurde am 2. April 2015 ergänzt. Er beginnt auf Seite 9

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