Helga Apsen: The first Bomb hit the garden

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Den Artikel im „Dixon Evening Telegraph“ in Illinois, USA erreichen Sie mit einem Klick auf das Bild aus dem Jahr 1952

In der Nacht zum Erntedanktag 2014 ist Helga Apsen im Alter von 90 Jahren in Kassel verstorben. Elke Rennert ist eine Verwandte aus der Linie ihrer Mutter Marie. Sie kannte und besuchte sie und ihre Schwester Ingrid sowie deren alte Mutter Marie seit mehr als 40 Jahren. Nach dem Tod der letzten aus der Kasseler Familie Apsen ist sie mit der Aufarbeitung ihres umfangreichen Nachlasses in Form von unzähligen Bildern und Dokumenten beauftragt. Die spätere Journalistin Helga Apsen wuchs in Kassel auf und saß mit Mutter und Schwester in einer der Kasseler Bombennächte im Haus, als die Stockwerke über ihnen zerstört wurden. Nach dem Abitur an der Malwida-von-Meysenbug-Schule (1940 in Heinrich-Schütz-Schule umbenannt) war sie im Alter von 19 zunächst in der Bürgerschule in Bettenhausen als „Laienlehrkraft“ tätig. Nach der verheerenden Bombennacht im Oktober 1943 wurde sie zunächst in der Vermisstensuchstelle und danach im Kriegssachschädenamt eingesetzt.

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Bild oben: Aufgenommen aus der Achenbachstrasse, zu sehen ist das zerstörte Doppelhaus der Familien Apsen und Wenzel Bild unten: Der Wiederaufbau, das Foto wurde aus Richtung des Hauses aufgenommen in der bis in die 90er Jahre der HNA-Verleger Rainer Dierichs wohnte.

Beim Einmarsch der Amerikaner war sie Angestellte im Büro des Oberbürgermeisters. Da war sie 21 Jahre alt. Die nächsten 3 Jahre arbeitete sie als Sekretärin und Dolmetscherin für die Gerichtsabteilung der amerikanischen Militärregierung in Kassel. Mit dem Wechsel der Zuständigkeiten wechselten auch die Arbeitgeber. Sie war im Spätsommer 1948 bei der Reparationsabteilung des hessischen Ministeriums für Wirtschaft und Verkehr am Standort Kassel tätig. Im letzten Quartal 1948 arbeitete sie als Sekretärin im Kasseler Amerika Haus. Diese Häuser dienten zur Imagepflege und sollten den Deutschen die amerikanische Kultur nahebringen. Aus heutiger Sicht konnte man damals noch „Job-Hopper“ sein und ohne Studium Karriere machen. Die folgenden 2,5 Jahre beim internationalen Suchdienst der Alliierten Hohen Kommission (High Commissioner of Germany; HICOG) wirken da schon sehr lang. Es gab ein Intermezzo von 2 Monaten bei Brandenstein Werbung in Kassel, bevor sie wieder für die HICOG und andere amerikanische Dienststellen tätig war. Im Alter von 30 Jahren wurde es beruflich ruhiger. Ab Anfang 1955 arbeitete Helga Apsen für mehr als 11 Jahre in der Kasseler Redaktion der Deutschen Presse Agentur (dpa) und reiste in verschiedene Länder. Ab dem Herbst 1966 bis zu ihrem Ruhestand war sie Journalistin bei der Kriegsgräberfürsorge in Kassel. Helga Apsen pflegte bis ins hohe Alter Kontakte. Unter anderem nach Amerika. In die „Neue Welt“ reiste sie im Jahr 1957 für 3 Monate und besuchte auch Waisenkinder, die sie an amerikanische Familien vermittelt hatte. Das ist mit vielen Schriftwechseln, Zeitungsausschnitten und Fotos dokumentiert. In einem englisch verfassten Artikel vom Freitag den 24. Mai 1957 für den Dixon Evening Telegraph in Illinois beschreibt sie auch, wie ihr Haus von den Bomben getroffen wurde, während sie im Keller überlebten. (Bild einfügen) Unter den Vorfahren von Helga Apsen befanden sich Auswanderer, die im Baltikum heimisch wurden. Ein am 3. April 1786 in Pirna (Sachsen) geborener UrUrgroßvater publizierte das „Choral-Buch für Evangelisch-Lutherisch-Deutsche„. Es ist heutzutage noch als Reproduktion zum Preis von 17,13 Euro zu beziehen: Damals, d.h. um 1846 fand man ihn im Verlag Gerhardt & Schreiber noch unter Johann August Hagen. Für sein vielfältiges, fruchtbares Wirken wurde er 1856 vom russischen Zaren in den Adelsstand erhoben. Helgas Großmutter väterlicherseits trug noch den Mädchennamen „von Hagen“, bevor sie den großbürgerlichen Kaufmann Apsen aus Moskau heiratete der dort als Repräsentant eines Chemieunternehmens arbeitete. Das Unternehmen gehörte später zum IG-Farben Konzern. In Moskau ist auch Helgas Vater Paul geboren.

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Das Haus vor seiner Zerstörung: Die Fensterfront zur Lessingstraße was großzügiger bemessen als nach dem Wiederaufbau.
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1936, die Familie Apsen in glücklichen Tagen Helga, Paul, Marie und Ingrid (vorn)

Er studierte in Sankt Petersburg und Darmstadt Ingenieurwissenschaften und machte ein Praktikum im Unternehmen eines Dr. Fresenius. Er verbrachte die Zeit des 1. Weltkrieges als Wandler zwischen den Fronten in Mitteleuropa, wo seine Familie auch einen Alterssitz hatte. Seine Stiefgroßmutter kurte beim Kriegsbeginn in Wiesbaden und durfte wegen ihres russischen Passes für die Dauer des Krieges nicht nach Russland heimreisen. Pauls Bruder war derweil Soldat in der Armee des Zaren. Pauls Zweig der Familie Apsen beschloss nach der Oktoberrevolution die Sowjetunion zu verlassen. Paul arbeitete bis zu seinem Tod im Krieg bei der AEG in Kassel. Doch das ist eine lange Geschichte, die der sorgfältigen Aufbereitung von vielen Bildern und Dokumenten auf einer eigenen Website bedarf.

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