Felsberg gedenkt seiner ermordeten jüdischen Bürger

Die Stolpersteinverlegung am 15. Juni 2015 in Melsungen und in Felsberg fand in Gegenwart eines koreanischen Filmteams statt. Konrad Rennert als der im Impressum genannte Verantwortliche für die Website, wurde Anfang Juni von koreanischen Fernsehredakteuren angesprochen, um Kontakte herzustellen. Er konnte aus dienstlichen Gründen nicht teilnehmen und hat Dieter Hoppe gebeten, das Geschehen zu dokumentieren. Verfasser des folgenden Berichtes und der 9 Fotos ist Dieter Hoppe aus Melsungen.

Die Initiative zu diesen Stolpersteinverlegungen ging zunächst von Schülerinnen der Radko-Stöckl-Schule in Melsungen aus, die dann Schülerinnen der Klasse 11 F13 der Drei-Burgen-Schule in Felsberg dafür begeistern konnten, auch in Felsberg mit der Verlegung von Stolpersteinen zu beginnen.
Von dieser Stolpersteinverlegung erfuhr ein koreanisches Filmteam, das gerade zu Aufnahmen in der Bundesrepublik Deutschland weilt. Die Koreaner hatten davon erfahren, wie man in Deutschland mit der Verarbeitung der Verbrechen der Nazizeit, d.h. der Judenverfolgung umgeht. Die Koreaner hatten im zweiten Weltkrieg schwer unter der japanischen Besetzung zu leiden. Vergangenheitsbewältigung ist zurzeit ein großes Thema in Korea. Korea wartet immer noch auf eine Entschuldigung Japans für die Zwangsprostitution koreanischer Frauen und Mädchen im 2. Weltkrieg. Japan verweigert bislang diese Entschuldigung mit der Begründung, Vergewaltigungen seien seit alters her eine Methode der Kriegsführung, um die Moral der eigenen Truppen zu stärken. Man sollte hier nicht vergessen, auch Truppen der Sieger in Europa haben vielfach Vergewaltigungen oft verbunden mit Ermordungen begangen, wenn auch nicht in dem organisierten Umfang, wie die Japaner die Zwangsprostitution organisierten sondern im allgemeinen als reine Willkürakte. Eine Entschuldigung ist auch von dort nie gekommen.

Wegen des koreanischen Filmteams wich Frau Dr. Mahler-Heckmann bei dem Beginn der Steinverlegung vom üblichen Eröffnungsritual ab und berichtete von der Entstehung und Entwicklung der Stolpersteininitiative in Melsungen. Sowohl in Melsungen wie in Felsberg kamen dann weitere Redner zu Wort. Dazu gehörten auch Schülerinnen in Melsungen wie in Felsberg. Sie berichteten von Ernst Levy, der wegen seiner Liebe zu einem christlichen Mädchen Melsungen verlassen musste und deshalb 1933 nach Köln verzog. Danach legten sie zwei weiße Rosen neben dem verlegten Stein nieder.


Bild 01: Die Schülerinnen Julia Hettstedt und Aline Apel mit je einer weißen Rose in der Hand von der Radko-Stöckl- Schule. Neben ihnen zwei junge Koreanerinnen. Sie knien vor dem verlegten Stolperstein. Die weißen Rosen wurden daneben abgelegt.
Bild 02: Kameramann Mujin Lee, daneben Sang Min Lee.
Bild 03: Frau Dr. Mahler-Heckmann im Gespräch mit der Leitung des Filmteams. Im Hintergrund Frau Meurer als Mitorganisatorin der Melsunger Initiative.
Bild 04: Der in Melsungen verlegte Stolperstein mit der Inschrift: Hier wohnte Ernst Levy/ Jg. 1912/ Unfreiwillig verzogen/ 1933 Köln/ Flucht Holland/ Interniert Westerbork/ Deportiert 1943/ Sobibor/ Ermordet 16.7.1943
Bild 05: Das Felsberger Stadtbauamt war eingebunden und hat die Verlegestelle vorbereitet
Felsberg
Bild 06: Frau Dr. Mahler-Heckmann im Gespräch mit dem Künstler Demnig und dem Schulleiter Dr. Dieter Vaupel.
Bild 07: Der Künstler Demnig, umgeben von den Schülerinnen, dem Kamerateam aus Korea und weiteren Besuchern vor dem Haus mit der 1. Felsberger Verlegestelle.
Bild 08: Zuschauer und Mitglieder der liberalen jüdischen Gemeinde.
Bild 09: Drei Stolpersteine mit einer Kurzbiographie der verfolgten Felsberger Bürger jüdischen Glaubens:

HIER WOHNTE HIER WOHNTE HIER WOHNTE
IISAAK KRUCK SIEGMUND KRUCK MALCHEN KRUCK
JG: 1866 JG.1912 JG.1878
IINTERNIERT 1940 UNFREIWILLIG VERZOGEN DEPORTIERT 1941
LAGER WARTEKUPPE 1935 FRANKFURT A.M. RIGA
TOT 26.12.1940 SCHICKSAL UNBEKANNT ERMORDET

Das Haus am Verlegeort gehört der liberalen jüdischen Gemeinde von Felsberg. Der Verein zur Rettung der Synagoge Felsberg will das Haus als Gästehaus herrichten. Felsbergs Stadtverordnetenvorsteher bedankte sich bei den Schülerinnen, dass sie einen so langen Atem besessen hatten, um das Projekt durch zuziehen. Die Schülerinnen der Radko-Stöckl-Schule in Melsungen hatten nicht nur Geld für das Projekt gesammelt sondern auch die Felsberger Schülerinnen davon überzeugt, so dass am 15. Juni insgesamt vier Stolpersteine verlegt werden konnten.
In Felsberg war auch noch eine Zeitzeugin zugegen, Frau Margarete Wendel. Sie lebt bis heute in ihrem Elternhaus in der Obergasse. Gleich nebenan wohnte früher Malchen Kruck. Es wurde von Felsberger Seite der Wunsch geäußert, weitere Stolpersteine zu verlegen. – In anderen Orten sieht es da leider anders aus. Schulleiter Dr. Dieter Vaupel nannte als nächsten Termin das Frühjahr 2016 und als Verlegeort die Stelle vor der Eisdiele. Die Veranstaltung wurde mit einem liturgischen Gesang durch ein weibliches Mitglied der liberalen jüdischen Gemeinde von Felsberg beendet.

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